Ich möchte euch die Geschichte unserer WG erzählen. Wo alles anfing. Vielleicht reicht es ja schon zu sagen, dass es Platypus wahrscheinlich nie gegeben hätte, wenn Anja und ich nie dort gewohnt hätten.

November 1983.  Meine Frau Anja und ich zogen in eine Fabriketage im vierten Stock der Friedrichstraße 231, die im Kreuzberger, also im West Berliner Teil der Friedrichstraße lag. 500 m südlich vom Checkpoint Charlie und der Mauer. Damals, 1983, war das keine angesagte Adresse. In einem Artikel beschrieb der Tagesspiegel die dortige Straßenlandschaft als „kriegszernagt“. Ödflächen gähnten zwischen den Gebäuden, die den Bombenhagel des zweiten Weltkrieges überstanden hatten. Es war nicht ganz legal, in der Fabriketage zu wohnen, aber wir hatten sie nicht besetzt. Offiziell handelte es sich um eine Gewerbefläche, nicht um eine Wohnung. Um das Gesetz zu umschiffen, erklärten wir uns zu einer Pantomimenschule. *

Herr Becker, der Immobilienverwalter, mit dem wir den Mietvertrag gemacht hatten, ahnte wahrscheinlich, dass wir dort zu wohnen gedachten, war aber froh, Einnahmen aus der Vermietung der Etage zu haben, die zuvor zur Produktion von Pappkartons gedient hatte. Unsere Anfangsmiete betrug 2100 DM (in etwa 1070 €) inklusive Mehrwertsteuer und Heizung. Wir hielten uns für sehr clever, uns als Pantomimenschule auszugeben. Eine solche Schule wurde als ruhiges Gewerbe angesehen, da man ja im Pantomimenunterricht keinen Lärm macht. Ich hatte bei Irshad Pantajan in seiner “Pantomimen Werkstatt” in Suarezstrasse, Charlottenburg, Unterricht genommen. Sollte irgendjemand die Rechtmäßigkeit unserer Schule überprüfen wollen, könnte ich schnell in die Rolle des Pantomimenlehrers schlüpfen und die anderen Mitbewohner wären meine Schüler.

Lärm gab es trotzdem. Er kam von unten und nervte uns gelegentlich. Unter uns war eine Strickerei. Die Maschinen liefen Tag und Nacht, klick, klack, klick, klack. Im zweiten Stock war eine Druckerei. Ein anderer und lauterer Lärm stieg von dort herauf. Bumm, bumm, bumm, bumm. Im Keller waren Proberäume für Bands und in der Nacht dröhnten Bässe und Trommeln bis zu uns hinauf in den vierten Stock.

Wir waren zu siebt, drei Frauen und vier Männer. Zwei Paare, drei Singles. Wir hatten uns entschlossen, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Damals in den 80ern war es äußerst schwierig, Wohnungen zu mieten, insbesondere große Wohnungen, deswegen hatten wir nach einer Fabriketage gesucht. Und waren schließlich in der Friedrichstraße gelandet. Wir hingen keiner Ideologie, Philosophie oder Religion an. Wir waren von den Vorteilen einer Wohngemeinschaft überzeugt: Sie war ein Mittel gegen Isolation und Einsamkeit; es bedeutete, dass wir uns die Mietkosten und andere Bürden teilen konnten, wie Einkaufen, Kochen und Putzen. Wenn Kinder geboren würden, könnten wir uns gemeinsam um die Kinder kümmern. Und eine Gruppe von Deutschsprechenden würde mir die Gelegenheit bieten, meine Deutschkenntnisse zu vertiefen.

Am Anfang des Projekts investierten wir gemeinsam 2000 DM in Baumaterialien. Wir rissen ein paar Wände ein und brachten den Schutt in kleinen Plastiktüten nach unten in den Bully, den wir zusammen gekauft hatten, zum Transport von Baumaterial und Müll. Glücklicherweise gab es einen Fahrstuhl. Unsere Fabriketage war 285 qm groß. Es gab nur zwei abgetrennte Räume, also errichteten wir ein paar Gipswände, um Räume zu schaffen und eine Küche einzubauen. Außerdem bauten wir in einen der zwei Toilettenräume eine Badewanne ein, kachelten und strichen viele Wände. Größere Flächen wurden mit einer Farbsprühgerät behandelt.

Die Renovierungsphase war aufregend und anstrengend, lief aber wirklich gut. Wir hatten eine Mission und ein Ziel. Ich lernte viele neue deutsche Wörter, die sich ums Renovieren und Bauen drehten: “Schnellschrauber, Bohrmaschine, Rigips and Besprechung.” Wir trafen uns zum Plenum und beratschlagten die verschiedenen Phasen der Arbeit. Ich war zwar nicht der geborene Handwerker, aber ich war ein guter Assistent und dank meines Schauspieltrainings konnte ich zu Anfang einer jeden neuen Bauphase motivierende Reden schwingen. Wenn wir eine Arbeit erfolgreich abgeschlossen, hatten wir ein “Erfolgserlebnis”. Und wir hatten viele Erfolgserlebnisse und auch große Partys, da jede*r von uns 30 Leute einladen durfte.

Unser Wohnzimmer war 65 qm groß, mit Teppich ausgelegt und einer kleinen erhöhten Bühne. Das war ein Drittel der Größe eines Tennisplatzes, groß genug, dass Anja und ich dort für das Stück proben konnten, das wir zusammen erarbeiteten. Während wir probten, liefen unsere Mitbewohner durch das Wohnzimmer, auf dem Weg zur Toilette oder in die Küche. Dabei sangen sie bei den Liedern mit und diskutierten mit uns in den Probepausen über den Plot. Wir hatten eine Termin für die Premiere und eine Titel für das Stück, aber keinen Namen für die Theatergruppe. Der Veranstalter, Eberhard Schwartz, wollte den Namen unsere Truppe wissen, damit er uns ordentlich ankündigen konnte.

So saßen wir also gegen Ende des Jahres 1984 eines Abends nach dem Essen um den Tisch herum und brainstormten Ideen für einen Namen. Wir aßen eigentlich immer zusammen zu Abend. Jedem von uns war ein Tag zugeteilt, an dem er oder sie den Einkauf erledigte und ein warmes Essen für uns alle zubereitete. Es gab auch einen Putzplan. Wir teilten uns ein Telefon mit einer sehr langen Schnur und schrieben Nachrichten auf einen Notizblock, der neben dem Telefon lag. Nach langer Diskussion, und mit der Hilfe unserer Mitbewohner, einigten wir uns auf Platypus Theater, zur Ehre dieses wirklich bemerkenswerten australischen Tieres.

In dieser Zusammenstellung lebten wir fast zwei Jahre. Mit dem Ende der Bauphase begann unsere Fähigkeit zum harmonischen Zusammenwohnen zu schwinden. Wir unternahmen Versuche, den Gruppengeist durch gemeinsames Singen, Jonglieren, Yoga und Meditation aufrecht zu erhalten, aber Konflikte untereinander standen uns im Weg. Wir hatten keine gemeinsame Aufgabe mehr, die uns zusammenschweißte. Die Ufa Fabrik, ein weiteres „Kind der 80er Jahre“ ist ein gutes Beispiel für eine lebendige Gemeinschaft, die überlebt hat und sich entwickelte, weil sie eine gemeinsame Aufgabe hatten, die über das bloße Zusammenleben unter einem Dach hinausging: www.ufafabrik.de. Anja und ich lebten mit den verschiedensten Leuten bis Mitte 1988 in der Pantomimenschule.

In der nächsten Folge könnt ihr lesen, wie wir unser erstes Stück entwickelten: “Der Clown im Land der Känguruhs”.

*s. das Buch “Die Friedrichshöfe” ( Edition Gutzeit Berlin)

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