Wer hat Angst vorm Schwarzen Hund?/Jean Labadie’s Big Black Dog

1989 Ideen für eigene Stücke auszubrüten ist eine anspruchsvolle Aufgabe.  Immer wieder neue, originelle Stücke zu erfinden ist schwierig. Nach zwei eigenen Stücken (Känguru und Finkelstein) beschlossen wir, eine Kurzgeschichte zu adaptieren. Ich fand Jean Labadies Black Dog in einer Anthologie von Geschichten zum Vorlesen. In den Anmerkungen am Ende des Buches stand „Vorlesezeit: 12-15 Minuten“ und die empfohlene Altersgruppe war von 10 aufwärts. Es handelte sich um eine sehr alte Geschichte, die über Generationen hinweg mündlich weitergegeben wurde. Ursprünglich kam sie aus dem französischen Teil von Kanada und drehte sich um einen Geschichtenerzähler namens Jean Labadie. Er war der beliebteste Geschichtenerzähler seiner Gemeinde und spielte seine Geschichten vor,  damit sie echt wirkten. 

Eines Tages bemerkte Jean Labadie, dass die Zahl seiner Hühner stetig abnahm. Jemand stahl seine Hühner. Jean wollte jedoch die Bewohner seines Dorfes nicht direkt des Diebstahls bezichtigen. Schließlich war er doch auf die eine oder andere Weise auf seine Nachbarn angewiesen. Um den Dieb abzuschrecken, erfand Jean Labadie eine Geschichte von einem wilden, grimmigen Hund, der in der Gegend sein Unwesen trieb. Er beschrieb den Hund so echt, dass alle im Dorf überzeugt waren, dass der große, schwarze Hund wirklich existierte.  Irgendwann läuft die Geschichte aus dem Ruder, und so erzählt Jean Labadie den Bewohnern des Dorfes, dass er den Hund dem Indianerstamm zurückgeben wird, wo er hergekommen war. Aber als er von seiner Reise zu dem Indianerstamm zurückkommt, behaupten die Dorfbewohner,  den Hund gesehen zu haben. Er sei zurück im Dorf. Jean ruft die Dorfbewohner zusammen und erschießt den erfundenen Hund.  

Es ist eine kluge und witzige Geschichte über Hysterie,  Ehrlichkeit und die Bedrohung durch eine fremde Macht. Wir beantragten Förderung vom Berliner Senat und bekamen 20 000 DM. Das bedeutete, dass wir einen Regisseur, Siggi Jakobs, einen Bühnenbildner, Erik Veenstra, und eine Kostümbildnerin, Lillemor Hartman, einstellen konnten. Wir konnten sogar ein Plakat für das Stück bezahlen. Die Premiere fand am 15. Juni in der Antenne, einem Jugendclub am Mehringplatz in Kreuzberg statt.

Wir spielten auf Deutsch. Anja und ich waren die Schauspieler, doch um die Geschichte richtig darzustellen, brauchten wir mehr als zwei Charaktere. Statt kleine Puppen für die zusätzlichen Rollen einzusetzen, verwendeten wir flache, lebensgroße Figuren aus Pressholz. Diese Figuren schuf Ilmar Caruso, ein australischer Künstler, der damals in Berlin lebte. Auf Schulterhöhe gab es ein Loch, durch das ich meinen Arm stecken konnte. Diese Charaktere hatten ein aufgemaltes Gesicht und die Kostüme waren aufgeklebt. Außerdem hatten wir drei sehr niedliche Stoffhühner, die uns der Puppenmacher Ralf Wagner gefertigt hatte. Das waren die, die in der Geschichte aus dem Hühnerstall geraubt wurden. Unsere Proben fanden im dritten Stock der Werner-Voß-Straße 54b statt, wo wir gerade Räume angemietet hatten. Das Gebäude war eine alte Militärkaserne aus der Zeit des ersten Weltkriegs. Eric, der gerade aus New York nach Berlin gezogen war, baute das Bühnenbild dort auf dem Flur.    

Die Inszenierung des Stücks war schwierig. Es waren ziemlich viele Leute beteiligt  und anfangs herrschte nicht genügend Klarheit darüber, wie wir arbeiten würden. Wir entwickelten den Text während der Proben. Das ist ein wenig riskant, vor allem, wenn sich das Team noch nicht so gut kennt. Komplikationen schlichen sich ein. Der Stil des Bühnenbilds passte nicht zum Stil der Kostüme  und umgekehrt. Zuzugeben, dass wir auch Fehler gemacht haben, fällt selbst im Nachhinein schwer. Es ist aber so. Wir praktizierten learning by doing, wir lernten also in Gruppen zu arbeiten, wie man die Arbeit einteilt, wie man Beschlüsse fasst und wie man ein Theaterstücke bewirbt.

Wir hatten Probleme, das Stück richtig zu vermarkten. Damals war es schwierig für uns, Schülergruppen ins Theater zu locken. Die ideale Altersgruppe für das Stück wäre ab 9 gewesen, aber diese erreichten wir oft nicht. Das Stück war zwar kein Flop, aber so richtig zufrieden waren wir damit auch nicht. Insgesamt spielten wir etwa 40 Vorstellungen. 

Teaser image: