Ich war bereits neun Monate in Deutschland und hatte einen ebenso langen Deutschkurs absolviert. Nun arbeitete ich als Erzieher in einem kleinen Kinderladen mit zwölf Kindern im Alter von 3-6 Jahren. Bei der täglichen Arbeit mit den Kindern lernte ich,  wie sie ticken. Ich war gezwungen, auf Deutsch zu kommunizieren. Ich spielte mit den Kindern mit Tierfiguren, erzählte ihnen Geschichten und wir sangen gemeinsam Lieder. Obwohl ich noch mit der deutschen Sprache haderte, hatte ich Lust, wieder Vollzeit als Schauspieler zu arbeiten.

Anja entschloss sich, ihren Job als Sozialarbeiterin aufzugeben und wir entwickelten Ideen für Stücke, in denen wir zusammen spielen könnten. Im Nachhinein war das ein recht radikaler Schritt für Anja, ihre sichere Festanstellung zu verlassen und in sich auf die unsicheren Bretter zu begeben, die  die Welt des Theaters bedeuten. Aber diese Entscheidung spiegelt die Aufbruchsstimmung der frühen 80er Jahre wider. Anja war mit mir auf Tour in Australien gewesen und fühlte sich zu diesem Lebensstil hingezogen. Ich kündigte beim Kinderladen, und, weil ich Heimweh nach Australien hatte, keimte in mir der Wunsch, eine Geschichte über einen Clown auf Reisen durch Australien zu schreiben, wo er seltsame und wunderbare Tiere trifft.

Clowns waren damals populär. Die Vorstellung davon, wie ein Clown zu sein hatte, war im Wandel begriffen. Ein Clown war nicht mehr nur ein achtminütiger Auftritt in einer Zirkusmanege. Ich hatte bereits in Australien, bevor ich nach Deutschland zog, als Clown gearbeitet. Jacques Lecoq war in diesen Jahren sehr einflussreich. Er entwickelte Methoden für Schauspieler, wie sie ihre eigenen Ideen umsetzen konnten, statt nur auf geschriebene Stücke zurückzugreifen.  Anja und ich wollten auch ein eigenes Werk schaffen. Damals gab es nicht viel Theater für 3-7jährige und wir beschlossen, uns in unserer Arbeit auf diese Altersgruppe zu konzentrieren. Das Stück musste auf Deutsch sein, etwas anderes kam nicht in Frage.

Wir arbeiteten weiter an unserer Grundidee, die darin bestand, dass ich einen Clown spielte, der von Deutschland nach Australien reiste, um Kängurus und andere exotische Tiere kennenzulernen. Es war recht bizarr, dass ich einen deutschen Clown gab, der einen unverkennbar englischen Akzent hatte, während Anja,  das australische Känguru,  perfekt Deutsch sprach. Nach den Aufführungen wurde ich oft von Kindern gefragt, warum ich so komisch redete. Vielleicht dachten sie, dass ich diesen Akzent absichtlich verwendete, was natürlich nicht der Fall war.

“Kevina” das Känguru hatte ein Baby namens “Joey.” Unser junges Publikum liebte das Baby Känguru, das Anja gemacht hatte. Baby Joey reckte den Kopf aus Kevinas Beutel und die Kinder identifizierten sich sehr stark mit ihm. Am dramatischen Höhepunkt des Stückes wurde das Baby von dem fiesen Schnabeltier, (englisch Platypus) „entführt“. Das Publikum reagierte sehr aufgebracht, sie mochten das Schnabeltier überhaupt nicht. Allerdings wurde ihm am Ende des Stücks vergeben. Es war eifersüchtig auf die Kängurus, weil sie so viel Beachtung fanden,  und es hatte auch etwas vom Rampenlicht abhaben wollen.

Ein eigenes Werk zu erschaffen, ein eigenes Stück auszuarbeiten, erfordert viel Geduld und man muss dem Prozess und den Leute vertrauen, mit denen man arbeitet,. Eine emotionale Achterbahnfahrt. Es gibt viele Aufs und Abs, viel Geben und Nehmen. Wir sahen ein, dass wir einen Regisseur benötigten und engagierten Dominic Power, einen englischen Schauspieler, der seit einigen Jahren in Berlin lebte und für das Klecks Theater in Neukölln gearbeitet hatte. Er hatte Erfahrung im Puppenspiel und darin, Stücke für ein ganz junges Publikum zu inszenieren. Seine Expertise, die Ideen, die er einbrachte und sein „britischer Humor” waren unbezahlbar für die Produktion dieses Stücks, das dann schließlich sehr erfolgreich wurde und lange auf dem Spielplan stand.

Wir bezahlten für die Produktionskosten des Stückes mit unseren Ersparnissen und stellten die Requisiten selber her. Anja bastelte das Schnabeltier aus dem Stoff eines alten Sessels aus der Fabriketage. Wir bemalten eine Kulisse als Bühnenbild. Solche Kulissen sind zwar eindimensional, aber sehr praktisch, leicht zu transportieren und einfach aufzubewahren.

            Die Premiere von “Der Clown im Land der Kängurus” im Nachbarschaftsheim Schöneberg wurde sehr gut aufgenommen. Anfangs hatten wir uns Sorgen gemacht, ob wir vom Schauspielen leben könnten. Nach einer Weile jedoch begannen zahlreiche Buchungen in West Berlin einzutrudeln. Unsere Mitbewohner*innen nahmen netterweise Anrufe auf unserem gemeinsamen Telefon entgegen und schrieben die Anfragen für Buchungen auf. Schon damals waren wir im Home Office Modus. Wir traten in Büchereien, Kindergärten und Jugendzentren auf und übersetzten das Stück ins Englische und spielten es im Sommer 1985 auf Edinburgh Festival. Zu dieser Zeit war Anja schon im fünften Monat schwanger...bald hätten wir ein richtiges Baby und nicht nur eine Puppe. Fortsetzung folgt.

Ausschnitte aus dem Stück: Anja und Peter, 1991.

Der Clown im Land der Kängurus

Schauspieler und Autoren: Anja und Peter Scollin

Regisseur: Dominic Power

Kulisse: Marina

Holzkisten: Frieder Schwerk

Stahlträger für die Kulisse: Hannes Jung

Grafik für die Plakate: Peter Bok

Musikalische Beratung: Andreas Kroitzsch

Geprobt und erarbeitet in der Friedrichstrasse 231. Berlin 10969. 

 

Teaser image: