„Wäre Napoleon am Abend des 18.  Oktober 1813 nicht so müde gewesen, hätte er vielleicht die Völkerschlacht bei Leipzig gewonnen.“

„Der Zufall ist die größte Großmacht der Welt. Viele Ereignisse und Zufälle, die für die Entwicklung der Menschen entscheidend waren, traten zufällig ein, und ebenso hätte das Gegenteil oder ganz etwas anderes geschehen können.“(Erich Kästner)

Dieses Stück ist auch so einem Zufall, bzw. einer Reihe von Zufällen, zu verdanken. Wir schrieben das Jahr 1986 und es war Zeit für ein neues Stück.

Zufällig begegnete ich Günther W. Hornberger. Seine Lebensgefährtin Frederike nahm an einem Kurs beim Moreno Institute über Psychodrama teil, zusammen mit Anja. Günthers Sohn war im selben Alter wie unsere Tochter Jenny, also schoben Günther und ich Kinderwagen um den Block, während Frederike und Anja in ihrem Psychodrama Seminar saßen. Wir beschlossen zusammen ein Stück zu schreiben und plötzlich war das Platypus Theater ein Drei Personen Theater.

Günther war schon damals ein Multitalent und ist es immer noch. Und wie Anja war er in Berlin geboren und aufgewachsen. Er hatte Soziologie und Theologie studiert und eine Theatergruppe geleitet, die „Unsichtbares Theater“ im Geiste von Augusto Boal spielte. Er war Liedermacher, als Folkmusik angesagt war, Dichter und hatte in der West Berliner Kabarett Szene mitgemacht. Um dem Ganzen die Spitze aufzusetzen, konnte er tischlern, sehr gut organisieren und nicht zuletzt besaß er einen Computer. Einen Atari 1024. Im Jahr 1986 besaßen nur sehr wenige Leute einen Computer.

Auf seinem Atari schrieb Günther den ersten Entwurf für das Stück. Den überarbeiteten wir drei und entwickelten daraus das Stück. Oft waren die Babys mit dabei, aber irgendwie kamen wir doch zum Arbeiten. Die Treffen und Proben fanden in unserer „Pantomimen Schule“ statt. Für Günther war es das erste Stück und für Anja das erste Mal, dass sie Regie führte. Günther wollte die Themen „Arbeit“ und Geld“ näher beleuchten. Er war überzeugt, dass man diese Themen für kleine Kinder verständlich darstellen konnte. Wir hatten die Altersgruppe 4+ anvisiert. Anja und ich waren skeptisch, ob das funktionieren würde, aber wir wussten, dass wir das nur herausfinden konnten, wenn wir es umsetzten. Am Ende war es eine gute Mischung aus Texten und Liedern, eine Komödie mit viel Körpereinsatz und einigen Clownsnummern.

Die Handlung: der Clown ist ein Ausländer, der durch Deutschland reist. Er sucht verzweifelt Arbeit, und sieht er einen Aushang in Floh Finkelsteins Laden, „Gesucht wird ein Schaufensterdekorateur.“ Floh Finkelstein hat ein Problem. Er schuldet 6 Monate Miete und es besteht die Gefahr, dass er aus dem Laden geschmissen wird. Floh hofft, dass, wenn sein Schaufenster attraktiver aussieht, sein Geschäft besser laufen wird.

Clown Andy Laterne bewirbt sich um die Arbeit und bekommt den Job, obwohl er weder die Sprache gut spricht noch die richtigen Qualifikationen hat. Anfangs läuft das Geschäft langsam. Probleme müssen gelöst werden, aber schließlich bringt eine bunte Auktion, bei der das Publikum beteiligt wird, das nötige Geld ein. Floh kann seine Schulden bezahlen. Er verkauft sogar sein Geschäft und holt zwei Zugtickets nach Portugal, eins für sich selbst und eins für Andy. Die zwei neu gefundenen Freunde ziehen los und singen dabei “Weit, weit, weit geht die Reise.”

Bevor ich diesen Blog schrieb, schaute ich mir einen Film des Stückes an und musste viel lachen. Der Film wurde bei einer der zahlreichen Aufführungen im Britzer Garten gedreht. Wir waren in einem kleinen Zelt und es gab keine erhöhte Bühne. Nah beim Zelt war ein Spielplatz mit einem Planschbecken. Unser Publikum trug oft Badeklamotten oder Unterhosen. Die Eltern saßen hinten im Zelt auf Stühlen. Die Kinder hockten auf dem Boden. Keine Scheinwerfer, keine Mikrofone, keine Musik vom Band. Wir mussten schnell auf- und wieder abbauen, da andere Theatergruppen vor oder nach uns spielten. Der Eintritt war frei. Das Publikum sang mit und kommentierte das Geschehen. ​

I habe Peter Brook immer bewundert. In seinem Buch „Der leere Raum“ gibt es ein Kapitel mit der Überschrift „Das derbe Theater.“ Seine Worte trösten und inspirieren mich „Es ist stets das volkstümliche Theater, das den Tag rettet....(Seine) Derbheit. Salz, Schweiß, Lärm, Gestank. Das Theater, das kein Theater ist....(mit) mitmachenden, dazwischen rufenden Zuschauern,...das durch Saal gezogene zerrissene Laken, die mitgenommene spanische Wand, die die schnellen Wechsel verbergen soll – Der eine Gattungsbegriff Theater

Deckt dieses alles und dazu noch den glitzernden Kronleuchter“. Das derbe Theater ist nah dran am Menschen.

Genau wie beim Clown Känguru Stück wurde auch der Kaufmann Finkelstein nicht gefördert. Wir bezahlten die Kosten für die Produktion mit dem Geld, dass wir mit den beiden anderen Stücken verdient hatten. Die Bühne bestand aus zusammenklappbaren, aber stabilen Marktständen und zusammensetzbaren Stäben.

Anja nähte den Vorhang. Alles musste in oder auf einen kleinen Renault Rapid Transporter passen.  Günther baute die orangene Holzbox. Er konnte sich tatsächlich in der Kiste verstecken. Das trug zu allerlei Belustigung im Stück bei, das mehrere Jahre lang aufgeführt wurde.

VLOG zum BLOG: Peter im Britzer Garten

VLOG zum BLOG: Zur Besuch in der alten WG

Der Clown beim Kaufmann Finkelstein

Author Günther W. Hornberger      

Regie Anja Scollin

Schauspieler Peter Scollin und Günther W. Hornberger.

Kostüme Annette Bätz

Bühnenbild Peter Bok

Teaser image: